Wo altes Gestein über jungem liegtWarum liegt an der Lochsite bei Schwanden GL 300 Millionen Jahre altes Gestein auf deut lich jüngeren Schichten? Dieser Frage gingen die Teilnehmenden einer Exkursion von Kul tur Amden nach und erhielten faszinierende Einblicke in die Entstehung der Alpen und die Geschichte ihrer Erforschung.
Von Urs Roth Rund ein Dutzend Interessierte folgten am 13. Juni der Einladung von Kultur Amden für die Exkursion zur Lochsite bei Schwanden. Hier ist die markante Linie im Felsen zu erkennen, die von der Glarner Hauptüberschiebung herrührt. Wer noch nicht direkt vor Ort war, erinnert sich vielleicht an die imposante Fussgängerbrücke über die Hauptstrasse oberhalb Schwanden in Richtung Elm. Hier findet man bequem den Einstieg in den geologischen Anschauungsunterricht. Zu Fuss zum geologischen Lehrbuch Die Gruppe von Kultur Amden wählte freilich nicht den bequemen Weg, sondern begab sich vorerst zu Fuss vom Bahnhof Schwanden hinauf ins liebliche Dörfchen Sool und dann steil hin unter zur Lochsite. Und hier erfuhr man dann allerlei Interessantes über die Entstehung der Alpen, die Bewegungen der tektonischen Platten der Erde und eben die Glarner Hauptüberschiebung. Wie kann es sein, dass älteres Gestein heute über jüngerem liegt? Was passierte mit der Erde, dass sich in Gebieten wie den Alpen hohe Berge «aufgefaltet» haben? Fragen, die Eva Bonus, Vorstandsmitglied von Kultur Amden, vor Ort kompetent beantwortete. Darüber hinaus erläuterte sie anschaulich die Entwicklung unseres Planeten, die Entstehung der Kontinente und die Prozesse, welche die Erdoberfläche bis heute formen. Wie die Alpen entstanden Besonders eindrücklich ist an der Lochsite die Tatsache, dass hier deutlich sichtbar rund 250 bis 300 Millionen Jahre alte Verrucano-Gesteine auf wesentlich jüngeren, nur etwa 35 bis 50 Millionen Jahre alten Flyschgesteinen liegen. Dieses scheinbar widersprüchliche Phänomen gab der Wissenschaft lange Rätsel auf. Heute weiss man, dass gewaltige Kräfte während der Alpenbildung ganze Gesteinspakete über Dutzende von Kilometern übereinander schoben. Ursache da für war die Kollision der afrikanischen mit der europäischen Kontinentalplatte, die vor rund 100 bis 30 Millionen Jahren zur Auffaltung der Alpen führte. Die Eschers und das Rätsel der Lochsite Die Lochsite spielte auch in der Geschichte der Geologie eine bedeutende Rolle. Bereits anfangs des 19. Jahrhunderts erkannte der Zürcher Naturforscher und Ingenieur Hans Conrad Escher von der Linth bei seinen Untersuchungen im Glarnerland, dass hier ältere Gesteinsschichten über jüngeren liegen – eine Beobachtung, die den damals geltenden Vorstellungen von der Entstehung der Berge widersprach. Seine Er kenntnisse hielt er nicht nur in Notizen fest, sondern auch in zahlreichen Zeichnungen und Aquarellen der Glarner Alpen, die heute als wertvolle wissenschaftliche Dokumente gelten. Sein Sohn Arnold Escher setzte die Forschungen fort und untersuchte die geologischen Strukturen der Region während Jahrzehnten. An der Lochsite erkannte er die entscheidende Bedeutung der Überschiebung für das Verständnis der Alpenbildung. In der Mitte des 19. Jahr hunderts beschrieb er die Überlagerung des alten VerrucanoGesteins über deutlich jüngere Schichten eingehend und erkannte deren zent rale Bedeutung für das Verständnis der Alpen bildung. Damit wurde ein wichtiger Grundstein für die moderne Gebirgsgeologie gelegt. Die Erkenntnis, dass ganze Gesteinspakete über weite Distanzen übereinander geschoben werden können, setzte sich allerdings erst Jahre später in der Wissenschaft endgültig durch. Ein Welterbe von globaler Bedeutung Die Glarner Hauptüberschiebung gilt als eines der bedeutendsten geologischen Phänomene der Welt. Sie lieferte einen entscheidenden Beweis für die damals noch umstrittene Erkenntnis, dass sich Gebirge durch gewaltige horizontale Verschiebungen von Gesteinspaketen bilden können. Aufgrund ihrer aussergewöhnlichen wissenschaftlichen Bedeutung gehört das Gebiet seit 2008 zum UNESCO Weltnaturerbe «Tektonikarena Sardona». Den Kopf voll von neuen Informationen kehrten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, nachdem sie die wohlverdiente Erfrischung auf der Restaurant-Terrasse im Dorfzentrum zu sich genommen hatten, nach Amden zurück. Die Exkursion zeigte eindrücklich, dass sich an der Lochsite nicht nur ein einzigartiges Naturdenk mal besichtigen lässt, sondern auch ein Stück Wissenschaftsgeschichte, das wesentlich zum Verständnis der Entstehung der Alpen beigetragen hat. Comments are closed.
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August 2026
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