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Amden persönlich

17/2/2017

 

Was das Heranwachsen zur Hölle macht 

von Alexandra Greeff, Südostschweiz
Die Künstlerin Sarah Elena Müller ist jung und steckt voller Ideen. Bei einem Besuch in ihrem Heimatdorf Amden las sie aus ihrem ersten Romanprojekt «Jungbürgerhölle». Zudem musste sie sich den kecken Fragen einer weiteren Exil-Ammlerin stellen.

«Kann ich Dir auch einfach Sarah sagen?» Das war die erste Frage von Kathrin Bischofberger an die junge Künstlerin. «Ich kenne dich als Sarah Müller. Darf man dich jetzt, da du den Kulturförderbeitrag des Kantons St.Gallen erhalten hast, nur noch Sarah Elena Müller nennen?» Bischofberger teilt mit der jungen Künstlerin ein Stück gemeinsame Schulzeit. Sie war deshalb vom Verein Kultur Amden angefragt worden, ob sie die Moderation für den Literaturabend im Primarschulhaus übernimmt. «Das ist für mich natürlich eine grosse Ehre», so die Pädagogin. Sie wusste die ihr zugeteilte Aufgabe humorvoll anzupacken und zeigte viel Geschick darin, die junge Künstlerin mit den richtigen Fragen aus der Reserve zu locken. Ihre Eltern seien vielleicht der Meinung gewesen, dass der Name Sarah Müller «doch nicht so knackig» sei, gab die junge Künstlerin zurück. Sie hätten sie wohl aus diesem Grund mit zwei Vornamen bedacht. Und die Kunstschule sei «sensibel» in Bezug auf Namen. Sie höre aber natürlich immer noch auf den Namen Sarah Müller, Kulturförderpreis hin oder her. Vielfältiges Schaffen Und was war ihre erste Reaktion auf den Kulturförderpreis? Die Künstlerin musste nicht lange überlegen: «Ich war einfach nur erstaunt.» Wie andere Kunstschaffende auch sie habe immer wieder Anfragen und Bewerbungen verschickt – und genauso häufig Absagen erhalten. Irgendwann merke man sich diese gar nicht mehr. Man vergesse sie gleich wieder, vielleicht, weil man sowieso mit einem negativen Entscheid rechne. Als dann der persönliche Anruf gekommen sei mit der Mitteilung, dass sie den Kulturförderpreis des Kantons St.Gallen bekomme, sei sie einfach nur baff gewesen. Bald kamen dann aber die ersten Gedanken zum Erwartungsund Repräsentationsdruck, den der Förderpreis mit sich bringen wird. «Damals habe ich zum ersten Mal in meinem Leben mein Hemd gebügelt», gestand die Künstlerin. Im sonstigen Leben ist die Künstlerin nämlich recht unkompliziert und flexibel, zumindest was ihr Wohn- und Arbeitsumfeld betrifft. Sarah Elena Müller ist 1990 geboren und in Amden aufgewachsen, seither haben sie ihre Ideen und Projekte herumgetrieben. So habe sie zum Beispiel kein GA, sondern ein Auto, damit sie immer mal wieder zügeln könne. Auch in Bezug auf das künstlerische Schaffen lässt sich die Künstlerin nicht gerne festlegen und geht vielfältigen Projekten nach. Seit ihrem BachelorAbschluss in Fine Arts 2014 an der Hochschule der Künste Bern beschäftigt sie sich mit Literatur, Musik, Audiound Videoproduktion, Hörspielen, Schreiben und Performance. Zurzeit ist sie im Atelier «Sattelkammer» in Bern stationiert und schreibt an ihrem Erstlingsroman «Jugendhölle», der demnächst herauskommt. Mittlerweile ist sie froh, dass sie sich der Sprache verschrieben hat und nicht gemäss ihrem Kindheitstraum ComicZeichnerin geworden ist. «Die Sprache ist wandelbar, schnell, nicht fix. Sie liegt mir mit meiner Ungeduld viel besser als Comics zu zeichnen.» Das Heranwachsen als Hölle «Und wie definierst du Kunst?», stellte Bischofberger die lang erwartete Frage, um sie dann gleich wieder zu verwerfen – wohl im Wissen darum, dass Müller nicht gerne Wertmassstäbe setzt und Kunst lieber als Haltung verstanden wissen will. «Nein, diese Frage lassen wir aus, lassen wir stattdessen deine Lesung sprechen.» Das war die Aufforderung an die junge Künstlerin, die Spannung im Publikum endlich zu brechen und aus dem Roman «Jugendhölle» vorzulesen. Darin beschreibt Müller das Erwachsenwerden aus der Sicht eines Kindes, eines Mädchens, einer jungen und fortlaufend alternden Frau, die von ihrem Umfeld fremdbewertet wird und Fragen stellt. In anschaulichen Situationen zeigt sie, wie die Meinungen des Umfelds die junge heranwachsende Frau verformen, und spinnt ein dichtes Netz von Gedanken und Gefühlen. Gezeigt wird zum Beispiel ein Kind, das auf der vorderen Stuhlkante sitzt und auf ein Wort der Erwachsenen wartet, auf das es etwas erwidern kann. Ein Kind, das die Erwachsenen darüber fachsimpeln hört, was für seine Entwicklung gut ist und keine Möglichkeit hat, Aussagen zu berichtigen und sich zu erklären. Oder ein Kind, das zwei Pipi-Worte sagen möchte, sich aber nicht getraut, den Wortschwall von zwei Männern zu unterbrechen – sodass es nicht anders kann, als sorgfältig Tropfen für Tropfen auf Vaters Hose zu träufeln. Müller überzeugte das Publikum mit originellen sowie skurrilen Ideen und regte die Zuhörer dazu an, Bewertungen und Meinungen zu hinterfragen und aufzulockern. Ein guter Tipp zum Ende «Diese Lesung ist anders als andere. Sie können leider kein Buch oder sonst was kaufen», schloss Bischofberger den Literaturabend ab – «Jugendhölle» erscheint ja erst demnächst. Sie hatte aber eine andere Marketingidee, die sie der jungen Künstlerin gleich zum Vorschlag machte: «Wie wäre es, wenn du den Roman in kleinen Häppchen veröffentlichst? Dann sind die Leser immer neugierig auf die Fortsetzung. Und für dich ist schon mal vorgesorgt.»
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